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BERLINER ZEITUNG 12.03.2011

Bauen mit Prädikat

Eigentümer von Gewerbeimmobilien können sich die Nachhaltigkeit ihrer Objekte heute zertifizieren lassen -dabei gilt es die Vor- und Nachteile verschiedener Modelle abzuwägen
Cosima M. Grohmann


Nachhaltigkeits-Zertifikate sind gerade schwer in Mode: das Scandic Hotel am Potsdamer Platz hat seit Februar eins, das Bonner Bürogebäude Artquadrat bekam es Ende vergangenen Jahres. Und in Mainz schmückt sich bereits seit 2008 eine C&A-Filiale mit einer solchen Auszeichnung. Knapp ein Dutzend unabhängige Stellen weltweit geben inzwischen ein eigenes Öko-Siegel heraus. Mit denen können sich Bauherren die ökologisch korrekte Bauweise ihrer Immobilie beglaubigen lassen -und zwar nicht nur, was die effiziente Verwendung von Strom, Wasser und Heizenergie betrifft, sondern auch, was die ökologische Gesamtbilanz der verbauten Materialien sowie soziale und funktionale Aspekte der Architektur angeht.

Siegel als Vermarktungs-Joker

Soweit, so grün. Doch leider herrscht unter den Herausgebern der Zertifikate Uneinigkeit darüber, welche Kriterien ein Gebäude erfüllen muss, um als nachhaltig gelten zu dürfen. Entsprechend verunsichert ist der Markt: "Jedes Zertifikat setzt andere Schwerpunkte", sagt Bernhard Frohn, Geschäftsführer des Potsdamer Ingenieurbüros Vika, dass sich für die Verbindung von ökonomisch und ökologisch nachhaltiger Bauweise einsetzt. "Gerade, wenn es um den Bau einer Immobilie mit internationaler Beteiligung geht, kommt es deshalb zur Konkurrenz unter den einzelnen Organisationen."

Kaum verwunderlich: Da die Branche die Zertifikate als Vermarktungs-Joker für neue Objekte entdeckt hat, setzt sich jeder Investor für jenes ein, dass ihm am vertrautesten ist -und von dem er sich die besten Marktchancen ausrechnet. "Die Zertifikate steigern den Marktwert um circa fünf bis sechs Prozent", sagt der Architekt Frank Lipphardt, Geschäftsführer des Berliner Büros Ecobau Consulting. Die Firma berät Bauherren und Investoren, die in den Besitz eines der grünen Siegel kommen möchten. "Das US-amerikanische Leed schneidet bei der Vermarktung am besten ab, da es weltweit am bekanntesten ist. Das britische Breeam hingegen eignet sich besonders gut für Shoppingmalls und Kaufhäuser."

Mit letzterem in Gold schmückt sich auch die Mainzer C&A-Filiale: Die "Building Research Establishment Environmental Assessment Method" -oder eben kurz Breeam -wurde Anfang der Neunzigerjahre entwickelt, mehr als 70000 Objekte weltweit tragen bereits dieses Siegel. Das Bonner Bürogebäude hingegen ist mit dem begehrten Leed-Zertifikat (Leadership in Energy and Environmental Design) in Silber ausgestattet. Dieses Siegel wird vom US-amerikanischen Green Building Council vergeben und entstand Ende der Neunzigerjahre auf der Grundlage von Breeam. Beide Zertifikate hat man in den vergangenen Jahren überarbeitet, sie berücksichtigen nun auch den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes sowie den Nutzerkomfort.

Das Berliner Scandic Hotel ist im Besitz eines silbernen Zertifikats der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Seit ihrer Gründung vor zwei Jahren hat die DGNB ihr Siegel bereits mehr als 180 mal vergeben. Im Gegensatz zu den anglo-amerikanischen Zertifikaten berücksichtigt es auch, ob Materialien und Baustoffe aus der jeweiligen Region stammen.

Bis zu 400 Prozent höherer Verbrauch

Martin Prösler, Pressesprecher der DGNB, sieht in der Verwendung von ausländischen Siegeln in Deutschland mehrere Nachteile: "Viele Anforderungen ausländischer Labels werden bereits durch deutsche Baugesetze abgedeckt und stellen hierzulande keine Qualitätsauszeichnung dar." Zudem müssten die Gebäude für ein Breeam- oder Leed-Zertifikat auf angelsächsische Maße umgerechnet werden. Doch der Markt entscheidet: Um selbst international wettbewerbsfähiger zu werden, hat die DGNB nun alle ihre Anforderungen an europäische Normen und Bauvorgaben angepasst und ein durchgängig internationales System geschaffen.

Bereits mittelfristig wird die globalisierte Immobilienbranche auf diese Weise wohl eine weitgehende Angleichung der Zertifikate erzwingen -und damit auch einen Konsens darüber, was grünes Bauen künftig bedeutet. Ob Nachhaltigkeits-Zertifikate aber tatsächlich das Zeug zum "Sorglos-Siegel" für potentielle Käufer und Investoren haben, ist allerdings fraglich: Der im Februar dieses Jahres veröffentlichte FM Benchmarking Bericht zum Thema Nutzungskosten im Lebenszyklus eines Gebäudes legte jetzt offen, dass zertifizierte Gebäude auf lange Sicht nicht unbedingt günstiger im Betrieb sein müssen. Verheerender für das Image der Zertifikate ist da nur das Ergebnis einer Untersuchung des Ingenieurbüros Vika von Bernhard Frohn: Demnach haben einige bereits vorab zertifizierte Gebäude nach Fertigstellung bis zu 400 Prozent mehr Energie benötigt, als in der Planung ausgewiesen. Angesichts solcher Zahlen sollten Bauherren momentan eher rot als grün sehen.

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Brief und Siegel

Weitere Zertifikate

HQE (High Quality Environmental standard) Französisches Zertifikat, das aus zwei Phasen -ökologisches Management und nachhaltiger Gebäudeentwurf -besteht; bislang 40 zertifizierte Projekte.

www.assohqe.org/hqe

CASBEE (Comprehensive Assessment System for Building Environmental Efficiency)

Japanisches System, das die vier Abschnitte im Lebenszyklus eines Gebäudes bewertet (Entwurf, Neubau, bestehendes Gebäude und Erneuerungen).

www.tinyurl.com/66ndbaf

Green Star

Dabei handelt es sich um ein australisches System, das vom Green Building Council Australia vergeben wird. Da in Australien das Interesse an grünem Bauen groß ist, gilt der Green Star ebenfalls als beliebtes Siegel.

www.gbca.org.au

Kosten

Eine Zertifizierung kostet laut ECOBAU Consulting zwischen 7000 und 10000 Euro. Darin sind jedoch noch nicht die Kosten für den Auditor und das -vor allem für die Vermarktung interessante Vorzertifikat enthalten. Insgesamt kostet eine Zertifizierung zwischen 30000 und 150000 Euro.

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Foto: Nachhaltiger Neubau: Das Scandic Hotel am Potsdamer Platz ist seit Februar mit dem DGNB Zertifikat ausgezeichnet.

BÜRO: 9-12.00h 14-17.30h TEL: 0049 (0) 30 / 41716840 FAX: -45  | E-MAIL:office(at)ecobauconsulting.de